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Gibt es einen wissenschaftlichen Film?

Fotografie & Film Zuletzt aktualisiert: 5. Dezember 2008 Geschätzte Lesezeit: 8 Minuten
Schlagworte: Bildung, Bildwissenschaft, Essay, Film, Filmtheorie, Medienpädagogik, Medientheorie, Pädagogik, wissenschaftlicher Film

Vor kurzem habe ich mich mit der Frage beschäftigt, ob ein Film in der Lage ist, wissenschaftliches Wissen zu transportieren. Damit meine ich nicht die mehr oder weniger seriösen Wissenschaftssendungen im Fernsehen, die eher zur Popularisierung von wissenschaftlichem Wissen beitragen. Ich meine auch nicht den Film als Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung in der Filmwissenschaft. Vielmehr geht es mir um die Frage, ob der Film einen wissenschaftlichen, kontroversen Sachverhalt angemessen vermitteln kann. Ausgangspunkt war dabei eine noch nicht veröffentlichte Untersuchung, die im Fach Pädagogik an der Universität Trier durchgeführt wurde: ein Vergleich der Vermittlungsmethoden Film und Text im Hinblick auf die Lernwirksamkeit bei der Beschäftigung mit wissenschaftlichem Wissen.

Theoretische Vorüberlegungen

Am Anfang möchte ich eine theoretische Vereinfachung anstellen: Film wird vorerst vereinfachend als eine Art Bild verstanden. Vergleiche von Text und Bild sind in der Geschichte sehr häufig, die Meinungen schwanken zwischen Bild‐ bzw. Visualisierungsoptimisten (z. B. Otto Neurath) und Bild‐ bzw. Visualisierungspessimisten (z. B. Neil Postman). Grundannahme dieser Vergleiche: es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen Text und Bild. Wo aber liegt dieser fundamentale Unterschied? Die Semiotik kann für diese Frage wertvolle Hinweise geben (vgl. Schnotz 2005, Joly 2006). Abbildung 1 zeigt ein einfaches Schaubild: Bilder weisen nach dieser Ansicht eine Ähnlichkeit mit dem Gegenstand auf und werden als "Ikon" bezeichnet; Text hingegen ist nicht ähnlich mit einem Gegenstand, er ist willkürlich/arbiträr und wird als "Symbol" bezeichnet.

Vergleich von Ikon und Symbol
Abbildung 1 – Schaubild zur Semiotik

Auf den Film angewendet bedeutet das: Film hat eine Beziehung zur Realität (> Ikon). Wie sieht diese Beziehung zur Realität aus?

In der frühen Filmtheorie gab es einen Streit über die Natur des Films ausgehend von seiner Beziehung zur Realität: Ist Film eher realistisch/dokumentarisch oder eher illusionistisch/künstlerisch?

  • Position „Dokumentarischer Charakter“ (z. B. Kracauer 1960): Film prinzipiell dokumentarisch, bildet Realität ab, keine Eingriffe
  • Position „Künstlerischer Charakter“ (z. B. Arnheim 2002 [Original 1932]): Film ≠ bloße mechanische Abbildung der Realität, sondern eigene Kunstform

Innerhalb dieser Diskussionen entwickeln sich zahlreiche Theorien, die das Wesen des Films untersuchen. Diese Theorien sind größtenteils nicht empirisch belegt, da sie ästhetisch‐hermeneutischer Natur sind.

Ästhetik und Wesen des Films

Meiner Ansicht nach könnte es also hilfreich sein, sich über die ästhetischen Qualitäten eines Films zu informieren, um zu seinem Wesen vorzudringen. Zentrale Frage dabei: Was unterscheidet den Film von allen anderen Medien? Was ist typisch filmisch? James Monaco (2004, 162) schreibt in Bezug auf den Film:

Das Resultat ist, wie Christian Metz sagt: «Als einfache Kunst ist der Film ständig in Gefahr, seinem Einfach‐Sein zum Opfer zu fallen.» Der ist Film ist zu leicht verständlich, was es schwer macht, ihn zu analysieren. «Ein Film ist schwer zu erklären, da er leicht zu verstehen ist.»
James Monaco

Das Wesen des Films wird in der Filmtheorie vorrangig als durch zwei Elemente bestimmt betrachtet: Mise en Scène (vergleichbar mit Fotografie) und Montage.

  • Mise en Scène: frz. für „in Szene gesetzt“, bezeichnet die Einflussmöglichkeiten der Kamera (Bildausschnitt, Einstellungsgröße, Aufnahmewinkel usw.). Im Film „Citizen Kane“ z. B. tritt der Medienmogul Kane zu einer Wahl an, deren Gewinn ihm sicher scheint, dann jedoch kostet ihn ein Skandal den Wahlsieg. Die schiefe Kameralage (Beispielbild bei WikiCommons) suggeriert schon im Vorfeld, dass mit Kane etwas nicht stimmt.
  • Montage: zeitliche Abfolge der Bilder, werden vom Betrachter in Beziehung zum bereits Gesehenen gesetzt. Der sowjetische Regisseur Kuleshov konnte dieses In-Bezug-Setzen nachweisen, indem er eine identische Aufnahme eines Schauspielers mit verschiedenen anderen Szenen kombiniert hat (Essen, Beerdigung, schöne Frauen usw.): die Zuschauer behaupteten, der Ausdruck des Schauspielers passe zur Stimmung der Bilder (Hunger, Trauer, Leidenschaft usw.), obwohl er immer identisch war  (Beispiel bei Mike Jones, bitte ganz runterscrollen).

Der Nutzer konstruiert sich die Bedeutung des Films also ausgehend von diesen ästhetischen Mitteln und seiner persönlichen Deutungen und Sehgewohnheiten. Manche Sehgewohnheiten sind allgemein gültig (= filmische Konventionen), z. B. Folge „Haus von außen“ + „Person in einem Haus“ = Deutung "Person befindet sich im Haus von vorhin".

Vorläufiges Fazit: Film hat etwas mit der Realität zu tun, ist aber zugleich auch künstlerisch und illusionistisch. Bedeutungen im Film sind also vielschichtige Phänomene, da Faktoren aus Mise en Scène, Montage, Sehgewohnheiten usw. zusammenspielen. Wissenschaft (und damit auch wissenschaftlicher Film) verlangt allerdings möglichst eindeutige Aussagen. Können wir solche eindeutigen Aussagen im Film machen? Wenn ja, müsste man sicherstellen, dass die gewählten Mittel wirklich so beim Betrachter ankommen wie beabsichtigt. Ein Blick in Forschungsrichtungen, die sich mit der Wirkung von Filmen und Bildern auf den Betrachter beschäftigen, könnte hier helfen.

Rezeptionsforschung und Medienwirkungsforschung

Der Volksmund sagt: „Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte“. Aber stimmt dieses geflügelte Wort? Wird ein Bild diesem hohen Anspruch überhaupt gerecht?

Im November 1988 hielt der damalige Bundestagspräsident Philipp Jenninger eine Rede zur Reichsprogromnacht, die missverständlich aufgenommen wurde und ihn letztendlich sein Amt kostete. Im Saal anwesend war Ida Ehre, eine hochdotierte jüdische Schauspielerin und Regisseurin, die den Holocaust überlebt und sich anschließend im kulturellen Umfeld hervorgetan hatte. Wenig später ging ein symbolträchtiges Bild durch die Presse, dass ihre angebliche Erschütterung nach der Rede Jenningers zeigt. Von der Mehrzahl der Rezipienten wurde das Bild auch so verstanden - schließlich sehe man es ja eindeutig. Tatsächlich aber war Ida Ehre lediglich gesundheitlich angegriffen und hat die Rede nach eigener Aussage gar nicht mitbekommen.

„Kein Bild erklärt sich selbst“, sagt Gombrich (zitiert nach Weidenmann 1994, 23): Bedeutungen von Bildern hängen von Erklärungen und dem Vorwissen der Betrachter ab. In der Presse erscheint daher kein Bild ohne Bildunterzeile. Film ist ebenfalls ein medienkonvergentes Medium: er vereint in sich auch andere Medien, z. B. Sprache. Die Sprache könnte also die Aufgabe der Einordnung der gezeigten Bilder übernehmen. Wie aber verhalten sich Sprache und Bild im Film zueinander?

Hilfreich könnte hierzu der Begriff der Text‐Bild‐Schere sein: Text kann Bildaussage unterstützen, ihr aber auch widersprechen. Text und Bild können also gewissermaßen aufeinanderliegen (wie eine geschlossene Schere) oder auseinanderklaffen (wie eine geöffnete Schere). Doch ist der Begriff auch problematisch, da er den Schluss nahelegt, Text und Bild seien in einem Film zwei getrennte Einheiten, die aufeinander bezogen sind. Jedoch erklären sich Sprachebene und Bildebene gegenseitig (vgl. Holly 2006). Es dürfte schwierig sein, diese beiden Ebenen unabhängig voneinander zu analysieren, ohne ihren Sinn zu verknappen.

In eine ähnliche Richtung gehen Untersuchungen der Rezeption aus eher psychologischer Perspektive. „Bild und Ton sind gemeinsam die Eingangsgrößen für das kognitive System des Rezipienten“, schreibt etwa Strittmatter (1994, 178). Welche Rolle spielen dabei Text und Bild?

Die zentrale Idee (vgl. Strittmatter 1994) in diesem Zusammenhang ist: Text und Bild sind nicht nur unterschiedliche Kanäle, sondern haben auch unterschiedliche Inhalte (Marshall McLuhan: „The Medium is the Message“). Das Bild wird als informationsreicher betrachtet, es diene der Orientierung. Der Text hingegen sei abstrakter, könne aber daher kategorisieren und die Aufmerksamkeit steuern.

Einerseits steuert die Sprache die Bildverarbeitung durch die Selektion bestimmter Bildaspekte und deren Gewichtung; andererseits können bei der gemeinsamen Verarbeitung von Text und Bild auch Interferenzen auftreten
Strittmatter 1994, 181

Rezeption ist also eher ein aktiver Prozess als das bloße „Ablesen“ von Informationen. Bilder sagen nicht einfach irgend etwas aus, das sie in sich tragen; sondern sie müssen gelesen, entschlüsselt werden – wobei dann aber immer der Rezipient eine entscheidende Rolle spielt.

Fazit und Thesen

Auf Grund der eben skizzierten Erkenntnisse lautet meine These: der Film ist auf Grund seiner ihm ureigenen filmischen Mittel kaum in der Lage, abstraktes, faktisch „richtiges“ Wissen zu vermitteln, wie es die Wissenschaft erfordert (vgl. Bühl 1984). Seine Stilmittel sind ästhetischer und künstlerischer Natur und daher prinzipiell deutungsoffen. Die Wirkungen können (und werden in der Praxis auch) minimiert werden, indem z. B. bewusst nur frontal gefilmt wird. Aber ganz neutral ist auch ein dokumentarischer Film nicht, denn es bleiben eine Vielzahl ästhetischer Entscheidungen (z. B. die reine Auswahl der Szenen: was wird eigentlich gezeigt, was weggeschnitten?). Mir sind drei Einschränkungen bewusst, die meine These abschwächen oder gefährden könnten.

  1. Stärke des Films = Medienkonvergenz Der Film könne seine Mankos ausgleichen, indem er andere Medien integriert, z. B. Sprache und Grafik; er liefert dann unterstützende Bilder zu dem, was erzählt wird. Problematisch ist dann allerdings die Frage, was zu tun ist, wenn keine unterstützenden Bilder vorhanden sind, etwa weil der Vorgang sehr abstrakt oder sehr komplex ist. Zudem stellt sich bei einer Kombination von Bild und Sprache die Frage danach, durch welche der beiden Parteien eine Information vermittelt wird. Peeck 1994 hat beispielsweise unterschieden zwischen Information durch Bild, Information durch Sprache und Information durch beide Medien. Aus erziehungswissenschaftlicher Sicht ist zudem wichtig, wie das Bild auf das Verständnis des gesprochenen Texts einwirkt: es könnte das Lernen fördern, verhindern oder sich gänzlich neutral dazu verhalten. Diese Frage ist natürlich umso wichtiger, wenn ein rein symbolisches Bild (etwa von händeschüttelnden Politikern) genutzt wird, um ein nicht-visualisierbares Thema zu illustrieren.
  2. Sprechen Filme in einem anderen Register von der Wahrheit als Wissenschaft (vgl. Corcuff 2008)? Der Begriff des Registers kommt aus der Sprachwissenschaft und bezeichnet sozial begründete Unterschiede in der Sprache (z. B. Vergleich Gespräch Angestellter mit Vorgesetzter vs. Angestellter mit Kollege zum selben Thema). Corcuff verwendet den Begriff, um die These zu stützen, dass filmische Wahrheiten zwar nicht vergleichbar seien mit den Wahrheiten aus der Wissenschaft (z. B. Soziologie), aber dennoch nicht unwahr.
  3. In meinen bisherigen Überlegungen bin ich davon ausgegangen, dass Sprache eher eindeutig ist, Bilder jedoch eher uneindeutig. Eindeutige Sprache und Begriffe sind tatsächlich eine der zentralen Forderungen für wissenschaftliche Texte. Aber stimmt diese Annahme überhaupt?

Anmerkungen zu meinen Überlegungen – gerade auch kritische – sind willkommen!