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20 Jahre Medienwissenschaft in Trier Ein Fach am medialen Puls der Zeit

Digitalisierung & Medien Zuletzt aktualisiert: 3. Februar 2018 Geschätzte Lesezeit: 12 Minuten
Schlagworte: Medienwissenschaft, Jubiläum, Hans-Jürgen Bucher, Martin Loiperdinger, Anna Weilberg, Cristoffer Coutinho, Thomas Roth, Anja Weckmann, Joachim Blum, Sven Teuber, Silke Burmester, Digitalisierung, Universität Trier

20 Jahre Medienwissenschaft in Trier: Am 27. Januar 2018 lud das Fach zum großen Festakt – und der hatte einiges zu bieten: zahlreiche studentische Beiträge, einen Festvortrag von Silke Burmester zum Thema „Influencer und Journalisten“, eine Podiumsdiskussion rund um mediale Aufmerksamkeit, sowie natürlich Rück- und Ausblicke mitsamt emotionalen Ehrungen und Verabschiedungen.

Festvortrag von Silke Burmester über Influencer und Journalisten

„Gibt man ihren Namen bei Google ein, sprechen die Auto-Suggest-Vorschläge schon für ihre große Vielseitigkeit.“ Mit diesen Worten kündigte Professor Hans-Jürgen Bucher den Festvortrag von Silke Burmester an. Und er hatte damit durchaus recht – die Journalistin und Autorin zeichnete in ihrem Vortrag ein witziges, aber auch nachdenklich stimmendes Bild von der Lage des Journalismus in den vergangenen zwanzig Jahren.

Inhalt schaffen, Inhalt sein

Silke Burmester auf der Bühne
Silke Burmester hielt den Festvortrag zum Jubiläum der Medienwissenschaft

„In den Medien geht es darum, das Gute zu bewahren“, stellte sie ziemlich zu Beginn ihres Vortrags fest, um danach von den grundlegenden Veränderungen im Journalismus der vergangenen zwanzig Jahre zu berichten. Das Internet habe alle Abläufe verändert, sei wie ein Wurm gewesen, den man füttern müsse. Und: Das Internet machte „was mit Medien zum heißen Scheiß“, den jeder machen wollte.

Heute aber ginge es nicht mehr darum, das Netz zu pflegen, sondern „selbst zum heißen Scheiß zu werden“: Journalismus sei so wichtig wie selten zuvor, aber die jungen Leute wollten lieber Influencer werden – prinzipiell ein demokratischer Weg, der niemanden ausschließe, so lange man nur genügend Follower um sich versammle.

„Die Medien sind heute der Schauplatz für alles Mögliche. Aber das Mögliche verdrängt das Notwendige, und das ist das Problem.“
Silke Burmester

Verführungsmomente gebe es auch für Journalisten, besonders angesichts stetig sinkender Gehälter für freie Journalisten und Fotografen. Viele junge Kollegen wollten selbst zum Influencer werden, zum Beispiel als Moderatoren. „Das Ich steht dabei im Vordergrund: Man möchte nicht hinter den Inhalten verschwinden, sondern selbst zum Inhalt werden.“

Natürlich habe solcher Geltungsdrang durchaus zu großen Momenten geführt, etwa bei Stefan Austs Spiegel TV. Aber Eitelkeit könne eben auch eine Falle für Journalisten sein.

Der laute Journalismus

Plakat zum Jubiläum
Plakat zum Jubiläum – gestaltet von yours truly mit viel wertvollem Input von Studierenden und Dozenten

Es sei keine gute Zeit für leise Leute — Journalismus sei heute laut, und Journalisten arbeiten an ihrer eigenen Marke, verunsichert durch den Einfluss von Influencern. „Die Show verdrängt den Journalismus, sonst gibt es keine Aufmerksamkeit“, erläuterte die Journalistin — allerdings nicht ohne zu erwähnen, dass es dies schon immer gegeben habe, besonders im Privatfernsehen.

Und doch, so eine hoffnungsvolle Anmerkung, erkennen Leser journalistische Leistungen an. Es sei eine wertvolle Erfahrung gewesen zu erleben, wie die eigenen Leser hinter ihr stünden, erzählte Silke Burmester. Und auch die Medienhäuser haben begonnen, nach einer Antwort zu suchen. Silke Burmester hob hier insbesondere die großen Recherche-Zusammenschlüsse hervor, wie sie beispielsweise zur Veröffentlichung der Panama-Papers geführt hätten: „Hier steht die Leistung wieder im Vordergrund, und Journalisten bleiben Journalisten.“ Und wer weiß, vielleicht gebe es ja auch irgendwann einmal News-Influencer. Oder aber es handele sich um einen Generationenwechsel – „und der tut nun einmal immer einer Seite weh.“

Podiumsdiskussion: Der Kampf um Aufmerksamkeit in den Medien

Um die „lauten“ Medien ging es auch in der Podiumsdiskussion, die von Honorarprofessor Joachim Blum moderiert wurde: „Schriller – Schneller – Schräger? Der Kampf um mediale Aufmerksamkeit“. Weil ich zwischendurch noch ein paar Details zur späteren Zeugnisübergabe klären musste, habe ich leider nicht die gesamte Diskussion mitbekommen — ich versuche dennoch, den Inhalt so gut wie möglich weiterzugeben.

An Stelle von Katarina Barley, die parallel bei den Koalitionsverhandlungen anwesend war, hatte sich Sven Teuber, sozialpolitischer Sprecher der rheinland-pfälzischen SPD-Fraktion im Landtag, zur Teilnahme bereit erklärt. Mit Thomas Roth (Chefredakteur des Trierischen Volksfreund) und Anja Weckmann (Leiterin des Trierer Studios vom SWR) waren zwei weitere erfahrene Medienvertreter an Bord, und natürlich durften auch die Absolventen des Fachs selbst nicht zu kurz kommen, vertreten durch Cristoffer Coutinho (Nielsen Sport) und Anna Weilberg (Femastics).

Podiumsdiskussion beim Jubiläum der Trierer Medienwissenschaft
Teilnehmer der Diskussionsrunde, von rechts nach links: Sven Teuber, Thomas Roth, Anja Weckmann, Joachim Blum, Cristoffer Coutinho, Anna Weilberg

Über die Macht von Social Media im politischen Diskurs

Über den Einfluss von Social Media in der politischen Entscheidungsfindung wurde in den Medienlandschaft in den letzten Monaten verstärkt diskutiert. Da passte es gut, dass das beschauliche Trier seine Bürger wenige Wochen zuvor zu einem Bürgerentscheid aufgerufen hatte. Dabei ging es um eine zentral gelegene Tankstelle, die entweder abgerissen oder weiterhin verpachtet werden sollte – letztlich setzten sich die Tankstellen-Befürworter durch.

Joachim Blum nutzte dieses Ergebnis als Aufhänger zur Frage, ob es sich hier letztlich um einen Triumph der Pro-Tankstellen-Aktivisten mit Hilfe der sozialen Medien gehandelt habe. „Der Begriff Triumph geht mir zu weit“, meinte Anja Weckmann, und Thomas Roth pflichtete ihr bei: „Bei Volksentscheiden kann es immer vorkommen, dass sich eine kleinere Gruppe durchsetzt, wenn sie mehr ihrer Anhänger mobilisieren kann.“

„Für uns war es auf jeden Fall eine politische Niederlage“, gestand Sven Teuber ein, dessen Partei sich gegen den Verbleib der Tankstelle ausgesprochen hatte. Für das Ergebnis machte er auch die Kommunikationsstrategie verantwortlich. „Die Tankstelle sollte ja nicht weg, sondern nur an einen anderen Ort — aber das ist nicht rübergekommen. In der Diskussion ging es schnell um ein Großstadt-Flair statt um die Tankstelle an sich.“ Zu diesem Eindruck hatten durchaus auch etablierte Medien beigetragen und die entsprechenden Emotionen geschürt.

Neue Kriterien für Relevanz

Von Trier aus spannte Joachim Blum im Anschluss den Bogen zu breiteren Themen: In der Schweiz stimmen die Bürger am 4. März 2018 über die Finanzierung des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks ab – und damit auch über seine Existenz. „Es ist unser Auftrag, die Menschen zu erreichen“, stelle SWR-Studio-Leiterin Anja Weckmann klar. „Allerdings treiben uns heute mehr Publikationen vor sich her, und wir müssen uns fragen, wie wir reagieren wollen.“ Insgesamt habe sich die Frage nach der Relevanz von Themen verändert. „Social Media ist ein zusätzlicher Kanal im öffentlichen Diskurs“, erklärte Cristoffer Coutinho. Dabei entstünden Themen, die ohne Social Media nicht möglich seien. Letztlich sei es aber wichtig, dass der Journalismus seine Freiheiten behalte.

Einen anderen Aspekt der veränderten Möglichkeiten durch digitale Medien hob Anna Weilberg hervor: Seit ihrer Selbstständigkeit habe sie viel mehr Freiheiten, eigene Themen zu bearbeiten. „Wir können nun verstärkt selbst setzen, was wichtig ist, und müssen nicht nur die Reichweite beachten.“

Im späteren Verlauf der Diskussion griff Joachim Blum auch die These vom lauten Journalismus auf, die Silke Burmester erläutert hatte. Er fragte kritisch, ob durch diese neuen Nachrichtenfaktoren nicht auch Skandale kalkuliert produziert werden könnten. Anja Weckmann und Thomas Roth hatten dazu einige wichtige Relativierungen zu machen. Es sei nicht so, dass nur laute Journalisten eine Chance hätten, meinte die SWR-Studio-Leiterin. Natürlich sei es eher im Wesen des Journalisten, extrovertiert zu sein. Allerdings entscheide letztlich eine heterogene Mischung über den Erfolg einer journalistischen Publikation – dazu gehörten eben auch die eher analytisch-introvertierten Naturen. Und Thomas Roth erläuterte, dass Zurückhaltung auch wichtig sei, besonders im lokalen Umfeld.

Aber gibt es denn einen Trend hin zum Skandal? „Wir müssen uns auf jeden Fall schneller entscheiden“, sagte Thomas Roth. Sven Teuber sprach von einem spürbaren Trend zur Boulevardisierung. Großen Stellenwert habe jedoch auch der Faktor Zeit: Journalisten hätten immer weniger Zeit für ein Thema.

Social Media als herrschaftsfreier Diskurs?

Die Abschlussrunde leitete Joachim Blum mit einem der Klassiker der medienwissenschaftlichen Auseinandersetzung ein: „Jeder kann im Social Web publizieren — ist das nicht das Ideal eines herrschaftsfreien Diskurs, von dem Jürgen Habermas gesprochen hat?“

Joachim Blum im Gespräch mit Cristoffer Coutinho und Anna Weilberg
„Ist Social Media ein herschafftsfreier Diskurs?“ – Joachim Blum im Gespräch mit Cristoffer Coutinho und Anna Weilberg

Das Potential von Social Media sei auf jeden Fall positiv, erläuterte die Femtastic-Herausgeberin Anna Weilberg. „Außerdem bekommt man die Aufmerksamkeit auch nicht einfach so, sondern man muss gehört werden und ein Gewicht haben.“ Ein wichtiger Aspekt, dem auch Cristoffer Coutinho beipflichtete. Qualität setze sich auch in den sozialen Medien durch.

„Und die pluralistischen Medien ergeben auch neue Themen“, sagte Anja Weckmann. Die Rolle journalistischer Medien sei es dennoch, Ruhe zu bewahren: „Das ist unser Pferd, auf dem wir sitzen.“ Und doch, wie Thomas Roth anmerkte, müsse man sich fragen, wer das Pferd steuere. Es sei wichtig, die Entscheidungen über Themen nicht nur den Algorithmen und Newsfeeds zu überlassen, sondern es müsse auch andere geben, die sich um die Auswahl von Themen kümmern.

Sven Teuber pflichtete dieser Feststellung bei, zog allerdings auch ein eher pessimistisches Fazit. Die Bedeutung von Algorithmen wachse: „Wir leben mehr und mehr nach den Algorithmen, weniger nach unserem Kopf — und das geht an die Grundfesten einer demokratischen Gesellschaft.“

Grußworte: Vergangenheit und Zukunft des Fachs Medienwissenschaft

Hans-Jürgen Bucher
Hans-Jürgen Bucher eröffnete das Jubiläum mit seinem Grußwort und gab darin zahlreiche Einblicke in die Geschichte des Fachs

Natürlich durften beim Jubiläum auch zahlreiche Grußworte mit Rückblicken sowie Ausblicken nicht fehlen. Professor Hans-Jürgen Bucher, Uni-Präsident Michael Jäckel sowie Sebastian Hoffmann, Dekan des Fachbereichs, gaben in ihren Grußworten Einblicke in die Entstehung des Fachs (1997). Zwei Entwicklungen haben den weiteren Weg gezeichnet: die Durchsetzung des Internets sowie die Bologna-Reform.

  • Noch 1994 habe man von einem Hauptfach abgeraten — die Berufsaussichten seien zu klein. Schon kurze Zeit später sollte sich zeigen, wie falsch diese Einschätzung war, seit sich das Internet ab Mitte der 1990er Jahren durchsetzte. „Die hohe Dynamik der Digitalisierung war für unser Fach Chance und Herausforderung zugleich“, erläuterte Hans-Jürgen Bucher, und nannte zahlreiche Beispiele, wie sich diese Entwicklung in Forschung und Lehre bemerkbar gemacht hat: Einführung von digitalen Lernplattformen, Experimente mit neuen Möglichkeiten wie der Twitter-Wall im Hörsaal, Tagungen wie „Zeitungen im Spannungsfeld zwischen Druck und Digitalisierung“ (1998).
  • Im Zuge der Bologna-Reform wurden die alten Magister-Studiengänge ab 2007 auf das System mit Bachelor und Master umgestellt. Die Nachfrage sei noch immer hoch: Auf einen Platz kommen derzeit rund zwanzig Bewerber.

6 Millionen Euro an Drittmitteln – das spricht für exzellente Forschung.
Sebastian Hoffmann, Dekan des Fachbereichs II

Auch andere Zahlen nannte Hans-Jürgen Bucher: 450 Abschlüsse, zehn Promotionen, zwei Habilitationen, 40 Lehrbeauftragte und sechs Millionen Euro eingeworbene Drittmittel — „das spricht für exzellente Forschung“, pflichtete ihm der Dekan bei. Dazu die einzigartige Ausrichtung mit zwei Fachteilen: Der audiovisuelle Fachteil rund um Professor Martin Loiperdinger legt einen Fokus auf das frühe Kino und andere historische audiovisuelle Medien, während das Team rund um Professor Hans-Jürgen Bucher die Themen Print und Online behandelt.

Eindrucksvoll waren neben den Grußworten besonders die studentischen Arbeiten, die rund um das Jubiläum entstanden sind. Es gab ein schönes Video aus der Fachschaft zu sehen, das viele Erinnerungen wach werden ließ. Und das Team rund um das Online-Magazin zum Jubiläum erläuterte, worauf sich die Gäste freuen können, wenn das Magazin live geht. Ich habe die Arbeit daran am Rande mitverfolgt und bin sehr beeindruckt, was unter Anleitung von Hans-Jürgen Bucher, Eberhard Wolf (Art Director/Head of Design beim Luxemburger Wort) und Paul-Josef Raue (Journalist) entstanden ist.

Emotionale Verabschiedungen

Martin Loiperdinger und Hans-Jürgen Bucher
Martin Loiperdinger, links zu sehen, verabschiedete und wurde verabschiedet – er hat die vergangenen zwanzig Jahre im Fach entscheidend geprägt

20 Jahre Medienwissenschaft – nach einer solchen Zeitspanne steht ein Fach natürlich auch an einem Übergangspunkt. Professor Martin Loiperdinger nutzte die Gelegenheit, um die langjährige Sekretärin Marie Luise Sachs in den Ruhestand zu verabschieden – ich habe nie gezählt, wie oft ich in ihrem Büro gestanden und von ihrer hilfsbereiten Art profitiert habe.

Aber auch Martin Loiperdinger emeritiert im März diesen Jahres — eine emotionale Verabschiedung durfte natürlich ebenfalls nicht fehlen. Mein persönliches Highlight war der Überraschungsfilm von Studierenden zu seinen Ehren. Natürlich stilecht begonnen mit der Einfahrt eines Zugs in den Trierer Bahnhof, eine augenzwinkernde Reminiszenz an „Die Ankunft eines Zuges auf dem Bahnhof in La Ciotat“, einem frühen Film aus der Feder der Pioniere Auguste und Louis Lumière – kein Trierer Mewi dürfte ihn noch nie gesehen haben.

Gedenkworte galten natürlich auch Professor Klaus Arnold, der im vergangenen Jahr verstorben ist. Er hat das Fach nicht nur um wertvolle Themen erweitert, sondern sich auch in unserem Alumni- und Studierenden-Verein Medianetz außerordentlich engagiert – der Tag der Medienwissenschaft und das Medientandem tragen unverkennbar seine Handschrift.

Digitalisierung im Zentrum der zukünftigen Ausrichtung

Das Jubiläum hatte also zahlreiche Verabschiedungen zu bieten, und eine weitere steht kurz vor der Tür: Auch die Dienstzeit von Hans-Jürgen Bucher endet im kommenden Jahr. Kein Wunder, dass so etwas Fragen nach der Zukunft des Fachs aufkommen lässt.

„Wir möchten das Fach von Grund auf neu aufstellen“, erläuterte der Dekan. Der zukünftige Fokus liege verstärkt auf der Digitalisierung – sie solle das Profil der Universität Trier weiter schärfen. Die neuen Schwerpunkte in Forschung und Lehre sollen demnach auf „Digitale und audiovisuelle Medien“ sowie „Journalismus und öffentliche Kommunikation“ liegen. Zwei Professuren sind aktuell ausgeschrieben. Es scheinen die richtigen Weichen zu sein, die das Fach stellt, und eine logische Fortentwicklung der Geschichte des Fachs. Ich bin gespannt, wie sich das konkret niederschlagen wird.

Ehrung der Absolventinnen und Absolventen

Den krönenden Abschluss bildete die Ehrung der Alumni des vergangenen Jahres. Herzlichen Glückwunsch euch allen!

Absolventinnen und Absolventen aus dem Jahr 2017
Alumni der Trierer Medienwissenschaft 2017