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Oliver Auster über den Wandel der Marke „Bild“ Digitaler Wandel im Boulevardjournalismus

Digitalisierung & Medien Zuletzt aktualisiert: 2. Januar 2018 Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten
Schlagworte: Medienwissenschaft, Oliver Auster, Tag der Medienwissenschaft, Boulevard-Journalismus, Medienwandel, Digitalisierung, Steffen Büffel, Fabienne Aßmann, Corinna Trierweiler

Wenig begleitet die Medienwissenschaft so sehr wie der mediale Wandel, den die Digitalisierung seit rund 20 Jahren hervorruft. Beim Tag der Medienwissenschaft am 5. November 2016 hatten wir gleich zwei Themenblöcke zu diesem Feld: Oliver Auster sprach darüber, wie sein Arbeitgeber „Bild“ auf diese Herausforderungen reagiert, und Corinna Trierweiler, Fabienne Aßmann sowie Steffen Büffel sprechen über neue Berufsaussichten für Medienwissenschaft-Absolventen.

Oliver Auster über den digitalen Wandel bei „Bild“

„Bild Reloaded – wie der Medienwandel unsere Marke gewandelt hat“ – so lautete der Titel der Keynote von Oliver Auster, Absolvent der Trierer Medienwissenschaft und Redaktionsleiter von Bild NRW.

Oliver Auster beim Tag der Medienwissenschaft
Oliver Auster sprach beim Tag der Medienwissenschaft über die Auswirkungen des Medienwandels auf die Marke „Bild“

Boulevard-Journalismus in Zeiten der Digitalisierung

„Bild ist die radikale Orientierung des Journalismus am Menschen“, definierte Oliver Auster ziemlich zu Beginn seiner Keynote, was die Marke „Bild“ aus seiner Sicht bedeutet. Der Markenkern sei, dass „wir im Gespräch sind“, und dazu hatte er durchaus beeindruckende Zahlen dabei: Zwar sei die Zahl der Abonnenten seit 2000 von 4,3 auf 1,96 Millionen gesunken, aber noch immer erreiche man zehn Millionen Menschen durch geteilte Inhalte im Netz.

Doch wo geht die Reise hin, angesichts von einer halbierten Auflage? Manche Dinge sterben durch die Digitalisierung, erläuterte der Journalist, beispielsweise die Schallplatte — Musik hören wir jedoch noch immer, etwa über iTunes oder Spotify (an dieser Stelle möchte ich noch erwähnen, dass es durchaus eine Nische von Schallplatten-Liebhabern gibt — zwar auf geringerem Niveau als in den goldenen Vinyl-Jahren, aber wachsend). Die Musikindustrie habe also geschafft, dass Inhalte nicht mehr ausschließlich illegal im Netz konsumiert werden.

Im Journalismus gebe es diesbezüglich keine einheitliche Linie. Bild.de sei sehr erfolgreich, habe über 19 Millionen Nutzer. „Boulevard-Journalismus ist, wenn der Vater in der Küche fragt: ‚Hast du gesehen, was in der Bildzeitung stand?‘“, und diesen Moment wolle man ins Netz übertragen. Die monatliche Nutzungsdauer läge bei rund 50 Minuten pro Nutzer. Und mit Bild Plus habe man ein Zahlmodell für ausgewählte Inhalte eingeführt.

Die Gegenwart ist sozial und mobil

70% der Besucher steigen direkt über die Startseite ein. Auf Position 2: Social Media, insbesondere Facebook. Das hat auch Folgen für die Inhalte. „Facebook Live ist für uns eine Revolution“, erläuterte Oliver Auster, „denn Bewegtbild ist für uns das Thema der nächsten Jahre.“ Folgerichtig habe man viel Personal im Bereich Video hergestellt, um exklusive Geschichten zu realisieren, in denen beispielsweise ein Videoredakteur einem Model beim Tätowieren folgt.

Und noch eine wichtige Erkenntnis hatte Oliver Auster mitgebracht: Mobile First. „Für uns als Medien gibt es nichts Wichtigeres als das Smartphone“, denn mehr als die Hälfte der Zugriffe erfolgen bereits über mobile Geräte. Insbesondere sprach Oliver Auster von einem deutlichen Anstieg der mobilen Videonutzung — aber natürlich habe das auch einige Besonderheiten: „90% unserer Videos werden ohne Ton geschaut, weil die Leute unterwegs keine Kopfhörer dabei haben. Unsere Videos haben daher Untertitel.“

Mobile First bringe auch abseits von Video völlig neue Herausforderungen mit sich, besonders beim Verkauf von Werbung. Nutzungsspitzen seien morgens und abends, wenn andere Themen wichtig seien als zu anderen Tageszeiten — das führe auch zum Setzen von anderen Schwerpunkten.

Drei Thesen für professionelle Medien

Oliver Auster schloss mit den Worten, er wolle ausdrücklich keine Prognosen geben. Allerdings hatte er drei Thesen dabei, an denen sich professionelle Medien orientieren sollen:

  1. Professionelle Medien sind unersetzbar. Bei Themen wie dem Amoklauf in München beispielsweise seien in den sozialen Medien zahlreiche unechte Bilder verbreitet worden. Professionelle Medien haben hier eine wichtige Funktion, indem sie die Echtheit von Fotos prüfen.
  2. Glaubwürdigkeit schafft Nachhaltigkeit für Medien.
  3. Überleben können professionelle Medien nur gemeinsam. Viele Verlage führten deshalb Bezahlmodelle ein.

Absolventen berichten aus ihrem Berufsfeld

In der anschließenden Gesprächsrunde, moderiert von Christof Barth, berichteten Absolventen aus ihrem Berufsfeld und ihrer täglichen Arbeit. Zu Gast waren Fabienne Aßmann und Corinna Trierweiler von Deloitte General Services in Luxemburg sowie Steffen Büffel, selbstständiger Medienberater (Media-Ocean).

Medienwandel als Berufsfeld

Gesprächsrunde beim Tag der Medienwissenschaft
Corinna Trierweiler, Fabienne Aßmann, Steffen Büffel und Christof Barth sprechen über ihren Beruf

Dass der digitale Wandel nicht nur Marken wie Bild, sondern auch ganze Berufsfelder verändert hat, wurde direkt zu Anfang des Gesprächs klar. Im Anschluss an seine Arbeit als Wissenschaftler habe Steffen Büffel festgestellt, dass es den Job, wie er ihn ausüben wollte, gar nicht gab. Viele Unternehmen hatten noch nicht verstanden, was gerade im Zuge des Medienwandels passiert. Darin habe er eine Chance gesehen und sich als Medienberater selbstständig gemacht. „Meine Aufgabe ist es, mich in das Weltbild meiner Kunden hineinzuversetzen, sie mitzunehmen und bei den kleinen Schritten zu begleiten“, fasst er seine Arbeit zusammen. „Rückblickend kann ich sagen: Ich hatte ein gutes Timing, denn heute ist der Markt mit Social-Media-Beratern übersäht.“

Auch Corinna Trierweiler und Fabienne Aßmann haben die Grundlagen für ihren Weg ins Marketing im Studium gelegt. Sprachen (insbesondere Englisch und Französisch), Software-Kenntnisse sowie die Erfahrung durch das häufige Halten von Präsentationen stellten sich als wichtige Erkenntnisse heraus.

Die medienpraktischen Übungen waren nach Ansicht aller Teilnehmer einen der wichtigsten Bausteine zu einer erfolgreichen Zukunft „in den Medien“. Fabienne Aßmann berichtete, dass sie ganz praktische Fragen zu beantworten hatte, etwa wie man eine Pressemitteilung aufbaue – dabei habe sie direkt auf ihr Wissen aus den Übungen zurückgreifen können. Steffen Büffel pflichtete ihr bei und sagte, dass der häufige Kontakt zu Medienpraktikern den Unterschied ausgemacht habe, denn auch heute noch seien viele Berufsfelder nicht mit einem eindeutigen Namen vorhanden. „Aber wir haben den medialen Wandel am eigenen Leib mitgemacht“, fasste der Medienwissenschaftler zusammen. Man könne diese Blaupause auf neue Entwicklungen oder Dienste im Web übertragen.

Jobaussichten für Absolventen der Medienwissenschaft

Dementsprechend blieb das Fazit zu den Berufsaussichten von Absolventen der Medienwissenschaft auch recht positiv, wenngleich eine deutliche Veränderung spürbar sei. „Einzelne gehen noch in den Journalismus — aber es sind nicht mehr so viele wie früher“, fasste Christof Barth seinen Eindruck zusammen. Die Anwensenden hatten ähnliche Beobachtungen gemacht: Viele freie Journalisten hätten Angst, nicht mehr genug Aufträge zu finden, und auch manche Verlage hätten es nicht mehr so leicht, ihre Volontariatsplätze zu besetzen. Das bedeute allerdings nicht, dass es für Absolventen der Medienwissenschaft keine Berufsaussichten gebe.

„Man muss wissen was man will, aber auch bereit sein, sich zu ändern, falls es notwendig ist“, sagte Steffen Büffel und munterte dazu auf, keine Scheu zu haben. Dazu zähle auch das Netzwerken. Dabei solle man den Schwerpunkt nicht nur auf den Abschluss an sich legen, sondern seine gesamte Persönlichkeit einsetzen. Aus diesem Netzwerken ergeben sich dann oft neue Möglichkeiten.

Corinna Trierweiler hob außerdem die Möglichkeit von Praktika hervor. „Dort kann man für einen begrenzten Zeitraum herausfinden, was man will. Wohin man möchte, das erfährt man während des Jobs.“ Auch der Master-Abschluss lohne sich durchaus — er sei angesehener und mache oft eine finanziellen Unterschied, wie Corinna Trierweiler zu berichten wusste.

Ehrung der Absolventinnen und Absolventen

Wie in den letzten Jahren bildete auch 2016 die Ehrung der aktuellen Absolventinnen und Absolventen den Abschluss. Ihre Arbeiten bildeten eine beeindruckende Bandbreite der Beschäftigung mit Medien ab – große Gratulation an eure Leistung!

Absolventinnen und Absolventen aus dem Jahr 2016
Alumni der Trierer Medienwissenschaft 2016